Vom Anwerbeabkommen zum Generalkonsulat: Zwei Jubiläen, eine Geschichte
29.04.2026 - Am 30. Oktober 1961 unterzeichneten die Bundesrepublik Deutschland und die Republik Türkei das Anwerbeabkommen – ein nüchternes Verwaltungsdokument, das eine der folgenreichsten Migrationsgeschichten Europas in Gang setzte. Was als temporäre Arbeitsmigration geplant war, wurde zu einer dauerhaften gesellschaftlichen Transformation: Aus „Gastarbeitern" wurden Nachbarinnen und Nachbarn, Unternehmerinnen und Unternehmer, Abgeordnete, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler – Menschen, die Deutschland mitgebaut und mitgeprägt haben.
65 Jahre nach dem Anwerbeabkommen und 60 Jahre nach der Gründung des Türkischen Generalkonsulats in Essen lud die Stiftung Zentrum für Türkeistudien und Integrationsforschung (ZfTI, Veranstaltungsorganisation: Programmbereich Transnationale Verbindungen Deutschland-Türkei) gemeinsam mit der Stiftung Zollverein und dem Generalkonsulat der Republik Türkei in Essen zu einem Symposium ein, das beide Jubiläen bewusst zusammendachte. Denn die Geschichte des Generalkonsulats und die Geschichte der türkischen Migration in Deutschland sind nicht voneinander zu trennen: Seit seiner Gründung 1966 war das Konsulat in Essen für Hunderttausende Menschen in der Region erste Anlaufstelle und institutionelle Begleiterin zugleich.
Am 27. April 2026 kamen im UNESCO-Welterbe Zollverein in Essen – selbst ein Symbol für den industriellen Aufbau, an dem türkeistämmige Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer maßgeblich beteiligt waren – Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Wissenschaft und Zivilgesellschaft zusammen, um diese Geschichte zu würdigen und ihre Perspektiven zu diskutieren.
Eröffnet wurde das von Aslı Sevindim (MKJFGFI NRW) moderierte Symposium durch den wissenschaftlichen Leiter des ZfTI, Prof. Dr. Hacı-Halil Uslucan, Stefanie Reichart (Stiftung Zollverein), Essens Oberbürgermeister Thomas Kufen sowie Generalkonsul Taylan Özgür Aydın. In den Eröffnungsvorträgen sprachen Staatsministerin Serap Güler (Auswärtiges Amt), Ministerin Verena Schäffer (MKJFGFI NRW), Landtagsvizepräsident Rainer Schmeltzer und der türkische Botschafter Gökhan Turan. Sie alle würdigten die Leistungen türkeistämmiger Menschen in Deutschland und betonten ihren kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Beitrag sowie ihre selbstverständliche Zugehörigkeit zur deutschen Gesellschaft – verbunden mit dem klaren Appell, Diskriminierung konsequenter zu begegnen als auch grenzüberschreitender politischer Einflussnahme entgegenzutreten.
In verschiedenen Panels kamen Expertinnen und Experten aus Wissenschaft, Migrationsforschung, kommunaler Integrationsarbeit, Politik und Wirtschaft zu zentralen Fragen zusammen: zur historischen Bedeutung des Anwerbeabkommens und der Rolle des Generalkonsulats ebenso wie zum politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Beitrag türkeistämmiger Menschen in NRW heute. Dabei diskutierten u.a. die Eröffnungsredner*innen im ersten Panel miteinander, während Panel II Generalkonsul Taylan Özgür Aydın, Dr. Robert Fuchs (DOMID), Yunus Ulusoy (ZfTI) und Reyhan Güntürk (Kommunales Integrationszentrum Dortmund) vereinte. Panel III brachte Gönül Eğlence (MdL Grüne), Alexander Vogt (MdL SPD), Britta Oellers (MdL CDU) und Dr. Ilker Kavuk (VALEARA Unternehmensgruppe) zusammen.
Das Symposium hat gezeigt: Der 30. Oktober 1961 ist kein abgeschlossenes Kapitel. Er ist der Anfang einer Geschichte, die NRW und Deutschland bis heute prägt – und die es verdient, erinnert, erforscht und weitererzählt zu werden, mit all ihren Verletzungen, Hürden und Erfolgsgeschichten.
Foto: ZfTI
