Experten diskutieren über Angst in Zeiten des Terrors

Teilnehmer: WAZ-Chefredakteur Andreas Tyrock, Franz-Josef Overbeck (Ruhrbischof), Aiman A. Mazyek (Zentralrat der Muslime), Haci Halil Uslucan (Leiter des Zentrums für Türkeistudien und Integrationsforschung), Manfred Rekowski (Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland).

Bodo Hombach, Präsident der Bonner Akademie für Forschung und Lehre praktischer Politik (BAPP) und Vorstandsmitglied der Brost-Stiftung, begrüßte die Gäste mit einem Hans-Küng-Zitat:

„Friede unter den Völkern ist nicht möglich ohne Frieden zwischen den Religionen.“ Der Islam, so Hombach, gehöre zur Weltkultur „und damit natürlich auch zu Deutschland“.

„Wir leben in unruhigen Zeiten“, sagt Präses Manfred Rekowski. Der Satz ist kaum mehr als ein Allgemeinplatz, aber das Publikum nickt. Weil die Bilder der Anschläge in Paris, des IS-Terrors und der vielen Menschen, die nach Europa und besonders nach Deutschland fliehen, in allen Köpfen stecken.

Rekowski, evangelischer Präses im Rheinland, ist einer von vier Experten, die sich auf dem Podium mit der Frage beschäftigen, ob Integration und Religion miteinander vereinbar sind. Dass ein Kirchenmann dazu Ja sagt, ist selbstverständlich. Aber Rekowski streut noch einen christlich-barmherzigen Gedanken ein. Unruhig seien die Zeiten auch, weil es nun ans Eingemachte gehe: „Viele Menschen spüren, dass es nicht mehr nur um freundliche humanitäre Gesten geht, sondern ums Teilen.“

Abschied von der Religion

Unruhe und Angst prägen diese Zeit, da sind sich auch die anderen Redner einig: Aiman A. Mazyek, Vorsitzender des Zentralrats der Muslime, Haci H. Uslucan, Leiter des Zentrums für Türkeistudien in Essen, und der katholische Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck. Das Land, sagen sie, verändere sich gerade grundlegend. Weil neue Bürger dazukommen, weil Rechtspopulisten lauter werden, und auch, weil Religion in Deutschland immer unwichtiger

werde. „Schon jetzt leben 40 Prozent der Menschen ohne öffentliches religiöses Bekenntnis“, sagt Overbeck. Das bereitet ihm, aber auch Mazyek und Rekowski, natürlich Sorgen.

WAZ-Chefredakteur Andreas Tyrock, der die Diskussion im Essener Schloss Hugenpoet moderierte, äußerte auch Verständnis für all jene, die angesichts der rasanten Veränderungen Unbehagen empfinden: „Viele Menschen wollen gar nicht, dass sich ihre Gesellschaft verändert und meinen: Sie ist gut so, wie sie ist.“ Aiman A. Mazyek unterstreicht, dass Zuwanderung und Wohlstand aus seiner Sicht durchaus zueinander passen: „Es geht uns auch gut, weil türkische Bergarbeiter zum Wirtschaftswunder beigetragen haben.“

Muslime in Deutschland, sagt Mazyek, litten darunter, dass nach dem 11. September 2001 alle möglichen Probleme „islamisiert“ worden seien. Wann immer etwas geschehe, werde ein Bezug zum Islam hergestellt. Das könne zu Diskriminierung führen und auch zum Gefühl der Kränkung. „Und das ist der Nährboden für Extremisten“, sagt er. Das Gros der Muslime empfinde angesichts des Terrors Abscheu und Ekel. Und der so genannte Islamische Staat sei eigentlich ein „Anti-Islamischer Staat“.

Generalverdacht ist ungerecht

Ruhrbischof Overbeck erinnerte daran, dass es „den Islam“ gar nicht gebe, sondern ein „weites islamisches Spektrum“. Es verbiete sich jeder Generalverdacht.

Die stärkste Integrationskraft, da ist sich Haci H. Uslucan vom Zentrum für Türkeistudien sicher, ist der Arbeitsmarkt. Ein Job, eine Wohnung, Bildung und Ausbildung – das sei das beste Fundament für Integration, viel wertvoller als jeder interreligiöse Dialog. Die Zeiten sind unruhig, da sind sich alle einig. Für Muslime, für Christen. Und für alle anderen.

Quelle: Westdeutsche Allgemeine Zeitung, 02. Dezember 2015

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