Migranten und Finanzdienstleistungen

Wie legen türkischstämmige Migranten ihr Geld an? Welche Versicherungen haben sie und vor allem welche nicht? Welche Erfahrungen haben Migranten mit Versicherungen, Banken, und Finanzberatern gemacht? Und was ist zu tun bei Falsch- oder Unterversorgung mit Versicherungen, schlechter Altersabsicherung und gegen windige Anlagemodelle, die die Migranten um ihre Ersparnisse bringen?
Diesen Fragen geht ein Projekt nach, das die Stiftung Zentrum für Türkeistudien in Kooperation mit der Firma Evers und Jung – Forschung und Beratung in Finanzdienstleistungen im Auftrag des Bundesministeriums für Verbraucherschutz durchführt.

Die staatlichen sozialen Sicherungssysteme – Arbeitslosenversicherung, Krankenkassen, Berufsunfähigkeitsversicherung, Rentenversicherungen – schränken ihre Leistungen mehr und mehr ein. Dadurch kommt der privaten Vorsorge insbesondere für das Alter, aber auch bei Krankheit und Berufsunfähigkeit eine ständig steigende Bedeutung zu. Zugleich haben Skandale wie die um die Islamischen Holdings in der Türkei, aber auch der internationale Börsencrash die Risiken von Geldanlagen deutlich gemacht und das Vertrauen vieler Anleger in Finanzdienstleistungen erschüttert. Doch ist die angemessene Versorgung mit Finanzdienstleistungen aufgrund der zunehmenden Eigenverantwortung eine infrastrukturelle Aufgabe, ähnlich der Versorgung mit Wasser und Energie.

Bisher gibt es nur wenige Erkenntnisse über das Finanzverhalten der türkischstämmigen Migranten in Deutschland, über ihren Zugang zu Finanzdienstleistungen, über ihr Spar- und Investitionsverhalten, über die die Versorgung mit Versicherungen und über ihren Bedarf an Investitions- und Anlagemöglichkeiten, obwohl ihnen unter wirtschaftspolitischen Gesichtspunkten eine erhebliche Bedeutung zukommt. Eine Studie des ZfT aus dem Jahre 2000 konnte zeigen, dass türkischstämmige Migranten ihre Ersparnisse entweder in Immobilien oder aber in klassischen anlagen wie Sparbuch, Bausparverträge und Lebensversicherungen anlegen. Aus den Erfahrungen in anderen Ländern und den wenigen vorliegenden Erkenntnissen aus Deutschland wird vermutet, das Migranten häufig in „Sondermärkte“ und graue Kapitalmärkte investieren, wo ihnen nicht immer die marktüblichen Konditionen geboten werden. Ein suboptimaler Zugang zu Finanzdienstleistungen durch problematische Vertriebswege, mangelnde Beratung, nicht passenden oder zu teuren Produkten kann zu einer massiven Behinderung der Integration in den Finanzdienstleistungsmarkt und in das wirtschaftliche System und damit zu einer Beschneidung ihrer finanziellen Möglichkeiten führen.

Ziel der Studie ist neben Untersuchung des Anlage und Versicherungsverhalten, der Erfahrungen sowie der Schwierigkeiten und Probleme die Bedürfnisse darzustellen, um daraus Vorschläge für spezifische verbraucherschutzpolitische Maßnahmen zu entwickeln.
Die Studie verwendet ein mehrstufiges Verfahren und einer Mischung aus qualitativen und quantitativen Methoden: Zunächst werden durch umfangreiche Literaturrecherchen in anderen Ländern wie in Deutschland Erfahrungen und Lösungsmöglichkeiten gesammelt. In Fokusgruppen mit türkischstämmigen Migranten werden erste inhaltliche Erkenntnisse erhoben und diskutiert, die durch Experteninterviews mit Anbietern, aber auch mit Verbraucherschutzzentralen und Schulderberatungen ergänzt werden. Aus diesen Ergebnissen wird der standardisierte Fragebogen erarbeitet, der in einer repräsentativen Haushaltbefragung unter türkischstämmigen Migranten eingesetzt wird. Die Befunde aller Teilschritte fließen dann in die Erarbeitung von Maßnahmen und Politikansätzen ein.

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